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Die Jagdhörner und die Jagdmusik
Das Mittelalter hat uns Zeugnisse über unterschiedliche Jagdkulturen hinterlassen. Es gab im ausgehenden Mittelalter nicht nur Veränderungen in den Jagdformen, sondern auch in der Entwicklung der Jagdhörner, die bis dahin aus Naturmaterialien und nun aus Metall gefertigt werden konnten. Es entstanden in zeitlichen Abständen das Schleifenhorn, der Halbmond und das Waldhorn.
Der Musikwissenschaftler Prof. Curt Sachs schreibt 1929 in seinem „Handbuch der Instrumentenkunde“, dass seine Nachforschungen ergeben hätten, dass die handwerklichen Möglichkeiten, Schleifenhörner herzustellen, schon im 14. Jahrhundert vorhanden waren. Z. B. bestellte Herzog Phlilipp der Kühne von Burgund und Graf von Flandern, dem in seiner Familienchronik nachgesagt wird, dass er ein leidenschaftlicher Jäger war, schon 1375 in England 63 Cournez, 1385 weitere 100 cors und im gleichen Jahr noch einmal 12 corées d’Engleterre.
Das Jagdhorn war Angelpunkt der Jagd, und ohne Hörner war die Jagd schlecht vorstellbar. Die alten Hörner aus Naturmaterialien, die bisher von den Jägern als Jagdsignalinstrumente bei den Beiz-, Hoch- und Niederwildjagden mitgeführt wurden, hatten nur einen sehr begrenzten Tonumfang, sind jedoch noch bis zum Ende des 18. Jahrhundert auf der Jagd weiter benutzt worden.
Beim Übergang zum Jagdhorn aus Metall bekamen die Jagdsignale einen breiten Tonumfang. Jetzt konnten die Signale auch mit hohen und tiefen Tönen geblasen werden. Es ist heute bekannt, dass die kleinen ein und mehrwindigen Jagdhörner mit ihren unterschiedlichen Formen und Tonlagen sowohl auf der Jagd als auch in der Kunstmusik geblasen wurden.
Mit der weiteren Entwicklung der Jagdhörner im 16. Jahrhundert, die durch neue Metallverarbeitungsmöglichkeiten und zunehmende handwerkliche Geschicklichkeiten der Instrumentenbauer geprägt wurde, entstanden auch neue Jagdsignale für die Jäger. Über die musikalische Ausführung dieser Jagdsignale ist wenig zu erfahren. Man kann in der deutschen Jagdbuch-Literatur und in den Übersetzungen z. B. von Jean de Clamorgan „Chassede Loup“ 1564 und über die Falcknerey bei dem Drucker und Verleger Sigmund Feyerabend in „Neuw Jag und Weydwerck Buch“ 1582 nur nachlesen, dass der Hörnerklang weit hörbar war und dass es Signale für das An- und Abblasen der Jagd gab. Es ist anzunehmen, dass die Jagdsignale aus dieser Zeit von dem damaligen Liedgut der Jäger und durch die Musik der höfischen Trompeter oder der Stadtpfeifer beeinflusst wurden.
Bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts wurde bei den unterschiedlichen Jagdformen mit Hundemeuten, die damals sowie auch in den folgenden Jahrhunderten nur ein Privileg des Adels waren, das kleine Jagdhorn zur Verständigung auf der Jagd geblasen. Als jetzt auch die großen Jagdhörner gebaut werden konnten, erklangen fortan diese in den verschiedenen Horngrößen auf den Parforcejagden.
In Frankreich entstanden das 1½ windige Chrétien-Jagdhorn, 2½ windige Dampierre-Jagdhorn, 2½ + 3½ windige Dauphin-Jagdhorn und mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts das heute am weitesten verbreitete 3½ windige Orléans-Jagdhorn. Diese Hörner waren überwiegend im Tonregister D gestimmt.
Die auf den Parforcejagden geblasenen Signale und Fanfaren sind uns aus der Blütezeit der höfischen Jagden von 1630 bis zum Ende der Herrschaft von Ludwig dem XVI. überliefert. Diese höfische Jagdkultur wurde auch an befreundete Fürstenhöfe in den Nachbarländern weitergegeben, z.B. nach Böhmen, Preußen, Sachsen, Bayern, Hessen, Württemberg, Österreich-Ungarn, Italien und England.
Die Jagdfanfaren erklingen heute im 21. Jahrhundert noch in Frankreich auf der Chasse à courre. In Deutschland werden mit diesen Fanfaren auf in Es und D gestimmten Parforce-hörnern Schleppjagden begleitet. Die klangvollen jagdlichen Kompositionen aus dieser Zeit werden außerdem bei uns von Parforcehornbläsern im grünen und roten Rock in Konzerten und auf Wettbewerben vorgetragen.
Für das kleine Jagdhorn sind uns seit dem 18. Jahrhundert böhmisch / österreichische Jagdsignal-Kompositionen z. B. von Jiri Ignac Linek 1725 - 1791 und Leopold Eugen Mechura 1804 - 1870 überliefert. Andere erfolgreiche Komponisten der k. u. k. Monarchie haben ihre Jagdmusik überwiegend für die Parforcejagden des Adels komponiert. Auf diesen Jagden erklangen die in Es gestimmten großen Jagdhörner.
Die über Generationen weit verbreiteten ein- und mehrwindigen kleinen und großen Jagdhörner, die in unterschiedlichen Tonlagen gestimmt waren, wurden weiterhin von verschiedenen Instrumentenbauern im deutschen und französischen Sprachraum hergestellt. Sie wurden nicht nur zur Verständigung auf der Jagd, sondern auch in der Orchestermusik, bei den Postillionen und beim Militär zur Übermittlung von Signalen eingesetzt.
Beim preußischen Heer diente Hans Heinrich XI von Hochberg, Fürst von Pless. Er fand dort Mitte des 19. Jahrhunderts Gefallen an einem Horn, das zweiwindig in der Tonlage B gestimmt war. Als Oberstjägermeister und Chef des Hofjagdamtes führte er dieses Horn mit dem Wohlwollen des Kaisers bei den Hofjagden ein. Man nannte es fortan Fürst-Pless-Horn, und so wurde es als Jagdhorn der Jäger für die Hoch- und Niederwildjagden verbreitet. Bei diesen Hofjagden wurden Signale, Fanfaren und Jägermärsche geblasen, die ihre Wurzeln im Militärsignalwesen hatten.
Ein großer Teil der heutigen Jagdsignale und Jägermärsche für dieses Horn entstand in der preußischen Militärzeit. Diese Militärsignale und Märsche prägen die heute bekannte Jagdmusik und den Blasstil für das Fürst-Pless-Horn. Ein Teil der heutigen Jagdleitsignale lässt sich direkt oder mit kleinen Änderungen von den Militärsignalen ableiten. Beim Militär hatten die Signale größtenteils eine andere Bedeutung.
Ebenfalls im 19. Jahrhundert, nach der napoleonischen Besatzungszeit, begann man wieder am preußischen Hof, bei ausgewählten Kavallerie-Regimentern und an einigen Fürstenhöfen mit dem Neuaufbau der Meutehaltung für Parforcejagden. Eine alte Jagdform lebte wieder auf. Dazu wurden mit den in Preußen verbreiteten und in Es gestimmten großen Jagdhörner, Signale und Fanfaren von deutschen und französischen Komponisten, auf den Jagden geblasen. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurden dann aufgrund der finanziellen Situation beim Militär, die Jagdhunde an private Meutehalter übergeben. Damit begann die Entwicklung von der Parforce- zur Schleppjagd.
Erst im 3. Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wurden von Beauftragten der damaligen Regierung für den deutschsprachigen Raum einheitliche Jagdsignale für die Hoch- und Niederwildjagd festgelegt. Für die Jagdreiter wurde zur gleichen Zeit ein Notenbuch mit Fanfaren für die Schleppjagd und die in Es gestimmten Parforcehörner herausgegeben. In diesem Notenbuch wurde neben vielen Fanfaren auch die „Begrüßung“ aufgeführt. Jetzt erklang dieses Musikstück nicht nur auf den kleinen, sondern auch auf den großen Jagdhörnern. Dazu wurde ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Jagdmusikszene durch viele neue Kompositionen und Arrangements bereichert. Deshalb treffen wir heute im deutschsprachigen Raum für die kleinen und großen Jagdhörner sowohl überlieferte als auch neue Jagdmusik an.
Mit den Jagdhörnern wurde auch der Brauch überliefert, dass die Falkner und Jäger in grünen und roten Rock in einer feierlichen Messe zu Ehren der Schutzheiligen St. Bavo und St. Hubertus mit Hörnerklang ihren Dank bekunden und Gottes Segen für ihre gefahrvolle Jagd erbitten.
E. Joachim Kolberg
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